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Peter Dottermusch, mein Opa
kannte ihn schon. Für ihn war es immer der gute Peter. Weil Opa selbst
Kunstmaler war, ein Künstler, und er immer schon für kreative Menschen viel
übrig hatte, und weil beide mal als Kollegen zusammen in einem Betrieb
gearbeitet haben. Wenn mein Opa von ihm erzählte, so höre ich jetzt noch –
guter Handwerker - und - Künstler - heraus. Er kam irgendwann in den
fünfziger Jahren aus dem Westen in die DDR, war dort als Klempnergeselle auf
der Walz, hatte die Familie hier, und haute bei allen sich bietenden
Gelegenheiten den Leuten die Taschen voll, bis sie nicht mehr zu gingen.
Musch, so nannten ihn alle die ihn kannten. Er war ein sehr guter Erzähler,
war „bekannt“ wie ein bunter Hund und muss auf der Walz im Westen unheimlich
viel erlebt haben. So richtig aufgefallen ist er mir erst, als ich als
Betriebselektriker bei RFT anfing und wir dadurch Kollegen wurden. Ich habe
in meinem Leben keinen zweiten Menschen kennen gelernt, der mit so viel
Phantasie und Mimik, Leute faszinieren konnte, besser gesagt, ihnen die
Taschen voll hauen konnte. Und wenn das in einer Kneipe passierte und das
war meistens der Fall, dann vielleicht noch Alkohol im Spiel war, dann wurde
das Kraut fett. Außenstehende sahen ihn auch manchmal so:
Eierschalenfarbenen Anzug mit Weste und Strohhut, sah aus wie ein
mexikanischer Ölmillionär der gerade ein Bombengeschäft gemacht hatte, aber
stockbesoffen, und das zu Pfingsten auf der Reichenstraße in Bautzen. Meist
sang er dazu Seemannsleider, die dann von Strophe zu Strophe immer
schweinischer wurden. Ich höre ihn jetzt noch manchmal im Suff singen. Den
Text, nach einem bekannten französischem Chanson , hatte er natürlich frei
erfunden: - „Für einen Stich im Unterleib – verlangt die Sau fünf Mark – das
nennt die Welt Gerechtigkeit – das ist doch freier Markt“ – . Schaffte er es
in dem Zustand dann noch in ein Bierzelt, dann ging dort der Kahn unter,
aber jämmerlich.
Musch war sehr tierlieb. Außer,
dass er in Alaska mit einer Grizzlydame gerungen, und sie als er sie auf dem
Rücken hatte, auch noch vergewaltigte, hielt er sich Bruno zu Hause in
seiner Einraum-Platte. Bruno war ein stattlicher dunkelbrauner Kater,
eigensinnig wie Musch selbst. Es kam vor, da sah man Musch auf dem Weg in
die Gartenkneipe und das waren fünfhundert Meter von seiner Wohnung, und
Bruno im Abstand von wenigen Metern immer hinterher. Dann füllte er sich
dort ab und Bruno war dabei. Auf dem Heimweg diskutierte er dann lautstark
mit Bruno und belehrte ihn über die Schädlichkeit von Nikotin und Alkohol
für jugendliche Katzen. Und das waren Tatsachen.
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Winterhilfe
1979 ein sehr harter Winter.
In Sachsen fielen fast alle Sylvesterveranstaltungen aus, weil alles verweht
war , der Straßendienst in die Knie ging und wenn doch die Feiernden den
Saal erreichten, auch noch der Strom ausfiel. Einige Veranstaltungen wurden
dann noch bei Kerzenlicht aufrecht erhalten. Aber nicht lange, denn der
Stromausfall legte ja auch noch die meisten Heizungsanlagen lahm. Der
fünfte Feind des Sozialismus hatte zugeschlagen. Nach dem Kapitalismus war
das der Winter, eine der vier Jahreszeiten. Irgendwer sagte mir, Musch ist
voll und liegt in der „Wanoga“. Ich hin und wer stand und hielt Volksreden
– Musch - , schon reichlich betrunken und war nach Aussage der Wirtin schon
zweimal umgekippt. Wir tranken jeder noch ein Bier und als er dann vor der
Theke ein drittes Mal absackte schaffte ich ihn heim. Das war vielleicht
eine Plage. Meterhohe Schneehaufen an den Straßenrändern und eisglatte
Fußwege und Straßen. Wir lagen mehr als wir liefen. Als ich ihn dann endlich
bis zu seiner Haustüre geschleppt hatte, stand er auf, verabschiedete sich
und ging kerzengerade in‘s Haus. Der Suff war wie weggeblasen. Das war mir
eine Lehre!
Auf ähnliche Art hat er auch
andere Kumpels und Tischnachbarn ausgetrickst. Es gab Zeiten, da war er fast
täglich nach Feierabend in der „Lusatia“ zu finden. Und öfters, wenn er
straff, und zu faul zum Laufen war, rief er sich ein Taxi: “Hier Doktor
Musch, holen Sie mich bitte von der Gaststätte „Lusatia“ ab“. Das ging aber
auch nicht allzu lange, da war der liebe Musch auch unter den Taxifahrern
bekannt. Die Reaktion auf seinen nächtlichen Fahrauftrag lautete dann:“
Dottermusch, du Schwein kannst loofen“.
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Enten
auf der Elbe
Wir
saßen wieder einmal bei “Hockemichel“, ausgesprochen: „Michael Hocke“, und
unser Tisch war mit fünf oder sechs Personen belegt. Und Musch kam langsam
in Fahrt. Er ließ sich zuerst in Fachgespräche verwickeln. Mit seinen drei
Berufsabschlüssen ( Klempner, Schlosser und
Karosserieschlosser) konnte ihm am Tisch so wie so keiner das Wasser
reichen. Als er sich dann in der Runde fachlich einen „Namen“ gemacht hatte,
ließ er langsam die Katze aus dem Sack. Zuerst fragte er einen Bekannten in
der Runde, und das war oftmals ich:“ Warst du damals mit in Dresden an der
Elbe, wo die ganzen Enten angefroren sind.“ Ich wusste natürlich was jetzt
kam und verneinte. Die anderen am Tisch wurden neugierig und fragten: “was
Enten angefroren, wie geht denn das?“ Ein verschmitztes lächeln glitt über
Muschs Gesicht, er legte beide Hände auf den Tisch und fing an zu erklären:“
Mann muss sich das so vorstellen, bei extremen Frostgraden, so um die minus
20 °, ist das Verhalten der Enten auf dem Eis so: die Enten stehen auf einem
Bein und müssen dann, weil das ja anstrengt, nach einer gewissen Zeit den
Fuß wechseln“. Jetzt demonstrierte er mit seinen beiden Händen den Wechsel
der Entenfüße auf dem Eis. Die Spannung stieg. ...„Bei extremen Minusgraden
müssen die Enten natürlich schneller wechseln, damit die Entenfüße nicht
anfrieren und das strengt unheimlich an. Ist erst mal ein Fuß angefroren, so
versucht die Ente mit dem anderen Fuß wieder freizukommen.“ Er demonstrierte
jetzt das Freikommen mit seinen Händen. „ Und das strengt so an, dass sich
die Ente auch mal ne Ruhepause gönnen muss und beide Füße etwas länger
aufsetzt. Und damit war es passiert dass beide Entenfüße angefroren waren.
Eine großartige Rettungsaktion wurde eingeleitet. Von der einen Seite hat
die Feuerwehr und die Kampfgruppe versucht, mit warmen Tüchern, die
angefrorenen Entenfüße, aufzutauen und auf der anderen Seite kam ich,
ausgerüstet mit einem Sack und einer Sichel und hab dort Enten geerntet, was
das Zeug hält. Entenbraten en gros, ein Leckerbissen. Noch Tage später sind
die Kinder beim Schlittschuhlaufen über die Sturzel gestolpert. Ich sage
Euch, das war vielleicht ein Festessen“. Ich blieb erst mal ernst. Erst als
ich mitbekam, daß einige den Schwindel glauben wollten, platzte ich fast vor
Lachen.
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-Hast
Du schon mal einen Storch gebraten?
„Hast
Du schon mal einen Storch gebraten?“. Ich dachte, was will er denn jetzt von
mir? „Nein, wiso?“ „na bei mir war jetzt mal einer auf dem Balkon“. Musch
hatte gar keinen Balkon. „Ich habe ihn zwölf Stunden in der Pfanne
gebrutzelt. Er wurde und wurde nicht weich. Ja, ich habe es versucht aber es
geht nicht. Jetzt verstehe ich auch den Spruch: Brate mir mal einen Storch“.
Die Füße habe
ich dann als Fliegenklatsche genommen. Aber da habe ich einen Fehler
gemacht. Ich hätte sie vorher auskochen sollen. So habe ich jetzt ein Haufen
Fettflecke an der Tapete. |
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Schlafen unterm
Kessel
Wir waren noch
Kollegen bei „RFT“ in Bautzen, da wurde Musch schlafend unter einem riesig
großen Warmwasserkessel vom Hauptmechaniker in der Nachtschicht erwischt. Zur
Erklärung: Herr Nitschke musste erst eine Vier-Meter-Leiter erklimmen, bevor er
Musch dort unter dem Kessel schlafend entdecken konnte. Aus der Sicht des Musch
hörte es sich dann so an:“ Ich lag da unter dem Kessel, hatte mir vorher eine
Schaumgummimatte zurechtgelegt und danach einen mächtigen eingezogen. Plötzlich
hörte ich im Unterbewusstsein, daß da jemand die Leiter hoch gekrochen kommt.
Ich machte ein Auge auf – oh, Nitschke – und leuchtete mit der Taschenlampe,
Gott sei Dank war die in Griffweite, und beschäftigte mich intensiv unter dem
Kessel. Nitschke fragte natürlich was ich hier mache? Ich sagte: Ich suche und
suche schon eine ganze Zeit und finde und finde das Loch aber auch nicht. Es
muss doch hier irgendwo sein“.
Den Vorfall ließ
man dann im Sande versickern. Hätte der Hauptmechaniker das an die große Glocke
gehängt, so hätte er die Lacher im gesamten Betrieb auf seiner Seite gehabt.
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Hecke pflanzen
mit Kathreiner Malzkaffee
Ich kam gerade
dazu, wie er in der Kneipe einem schon leicht Angetrunkenem erklärte, wie er
eine Hecke zu pflanzen hat. Mit einer derartigen Ernsthaftigkeit machte Musch
das mit "Kathreiner Malzkaffee“ und beschrieb sein Produkt dann als winterharte
Pflanze, die nur 1,10 m hoch wird und dann nie mehr verschnitten werden muss.
Von einem richtigen Blümchen-Kaffee hätte der Zuhörer mehr davon gehabt.
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Sibirien
Die Sibirien
-Story ist eine der letzten Reißer, die Musch abgelassen hat. Nach einem
Sonntagsnachmittagsspaziergang, traf ich Musch in einer Gartenkneipe. Das
Treffen war rein zufällig. Er saß schon dort als ich eintraf und ärgerte die
Knobler mit seinen Sprüchen. Und als ich mich dazusetzte, bekam Musch Aufwind
und legte nun erst richtig los. „Ihr Arschlöcher, ihr Weicheier, was habt denn
ihr schon erlebt, ihr müsst erst mal dort hinriechen wo ich hingeschissen habe.
Erst vor zwei Wochen bin ich aus Sibirien zurück“. „Was willst denn Du in
Sibirien“? fragte der Wirt. „Na Sozialistische Hilfe“. ......Man bedenke, die
Wende war zu der Zeit schon sechs Jahre alt... „Ja, ich war in Sibirien, hinter
Irkutsk, ich habe dort den Russen gelernt, Kasperköpfe zu schnitzen, damit die
in ihren langen und kalten Winterabenden nicht nur Wodka saufen und die Weiber
über den Ziehbrunnen legen.“ Die Knobler gaben langsam Becher und Pappen ab und
nahmen einen Schluck, denn so trocken konnte man die Story nun auch wieder nicht
verdauen. „Nun stellt Euch vor, als ich zu Hause ankam, habe ich bemerkt, dass
mein Taschenmesser weg ist. Zuerst habe ich gedacht, dass die Russen es mir
geklaut haben, um jetzt ganz ungestört Kasperköpfe zu schnitzen, aber dann kam
ein Brief aus Irkutsk. – Lieber Genosse Dottermusch, dir fehlt doch bestimmt
etwas. Ja, wir haben Dein Schnitzmesser in die Nähe von Ziehbrunnen gefunden und
haben Svetlana, Dein Geschenk für uns, damit zurück auf die Reise in Deine
Heimat geschickt. Es wird jetzt etwas dauern bis sie ankommt, weil wir ihr extra
noch eine kleine Flasche Wodka für Dich mitgegeben haben.
P.S. außerdem ist hier noch ein Wunder geschehen. Nina wird Mutter und keiner
ist es gewesen aber alle übernehmen die Patenschaft. ....Svetlana, die
Brieftaube, die ich den Russen als Patengeschenk mitgebracht hatte, weil sie
immer so aus dem Hals roch war nun auf dem Weg zu mir. Ich wartete und wartete
und nach zwei Monaten und anderthalb Wochen kam sie bei mir an. Völlig
ausgepumpt. Taschenmesser und Vodka haben den Transport heil überstanden, doch
Svetlana war total erschöpft und hatte Krampfadern an den Beinen weil sie die
letzten zweitausend Kilometer zu Fuß zurückgelegt hatte. |
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